Treuchtlingen - Dietfurt  
  
 
Ernst Rottler - SPD Ehrenmitglied
Die "Lebensgeschichte" des früheren Bürgermeisters von Dietfurt und langjährigem Stadt- und Kreistrat
  
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TREUCHTLINGEN - „Die Jüngeren können auch was“ – das ist ein Motto von Ernst Rottler, und es steht sozusagen am Beginn und am Ende seiner ehrenamtlichen politischen Betätigung. Aus dieser Überzeugung heraus begann er, Mitte der 60er in seinem Heimatort Dietfurt mitzureden. Und wurde 1966 Bürgermeister, ohne vorher im Gemeinderat gewesen zu sein. Bürgermeister blieb er, bis sich Dietfurt zum letztmöglichen Termin der Gemeindegebietsreform, dem 1. Mai 1978, Treuchtlingen anschloss. Da war Ernst Rottler schon von seinen Dietfurtern in den Stadtrat gewählt – und der SPD beigetreten. Für beide zog er noch zweimal in den Stadtrat ein, stets mit dem besten Ergebnis aller Dietfurter Kandidaten; darauf ist er noch heute stolz. Und ab 1984 war er auch für zwei Wahlperioden im Kreistag. 1996 kandidierte er für beide Gremien nicht mehr – denn: „Die Jüngeren können auch was!“

Dass junge Leute, auch solche „vom Dorf“, durchaus etwas können, dafür ist auch der Lebensweg von Ernst Rottler Beweis. Dazu muss man ein bisschen ausholen: Drei Söhne hätten den Hof in Dietfurt übernehmen können. Der Älteste jedoch machte sein Abitur und wollte in München studieren – auch nicht gerade eine Selbstverständlichkeit für einen Bauernsohn in jener Zeit. Der Zweite Weltkrieg kam dazwischen, er wurde eingezogen, wurde Bordfunker, abgeschossen, starb. Auf der Krim ist er begraben. Der zweite, eben Ernst Rottler, hatte es auch nicht so sehr mit der Landwirtschaft. Der Jüngste sollte den Hof übernehmen, der hatte sich schon immer dafür interessiert. Doch auch er überlebte den Krieg nicht, er fiel an der Westfront. Da war Ernst Rottler schon längst bei der Marine. Mit 17 hatte er sich dorthin gemeldet, denn sonst wäre er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen worden, und „schaufeln konnte ich auch daheim“. Bei seinem älteren Bruder hatte er stets fleißig mitgelernt, mathematische Fächer vor allem. Nach der Volksschule besuchte er zunächst die „Fortbildungsschule“, das waren zwei Stunden wöchentlich Unterricht im Dorf. Dann wurde in Dettenheim eine „ländliche Berufsschule“ gegründet (für Dettenheim, Graben, Schambach und Dietfurt); dorthin ging Ernst Rottler zwei Jahre lang. Mit knapp 18 dann kam er nach Leer, nach der Grundausbildung wurde er für „optische Nachrichtenübermittlung“ geschult – und unter über 300 Leuten Sechstbester. Dass er dann beim Steuermannskurs unter rund 180 Teilnehmern den dritten „Rang“ belegte, ist auch etwas, auf das Ernst Rottler noch heute ein bisschen stolz ist – „ich als Bauernbursch!“ Die weiteren Kriegsjahre fuhr dann sein Schiff im Begleitdienst der Geleitzüge, mit Ernst Rottler auf der Brücke, nicht an der Waffe, wie er betont. Zuletzt war das Schiff vor der französischen Atlantikküste, wo Ernst Rottler nach der Invasion am 26.6. 1944 in Gefangenschaft geriet. Zunächst kam er mit seinen Kameraden nach England, dann nach Amerika, zuerst nach Aliceville in Alabama, dann nach South Carolina in der Nähe von Charleston. Ernst Rottler führte ein Tagebuch, das er kaum jemanden hat lesen lassen. Es ist das anrührende Zeugnis eines 22-Jährigen, den im täglichen Einerlei und bei schwerer Arbeit die Hoffnung auf Rückkehr in seine Heimat aufrecht erhält. Im Februar 1946 kehrte er mit anderen zurück nach Europa, aber es war nach der Wärme in South Carolina ein kaltes, unwirtliches Lager in Frankreich, in dessen Erdlöcher sie gebracht wurden. Den Kriegsgefangenen ging es schlecht – bis sie zur Arbeit bei verschiedenen Bauern abkommandiert wurden. Im Herbst 1947 hielten es Ernst Rottler und ein Leidensgenosse nicht länger in der Fremde aus – sie gingen einfach, sogar mit Wissen ihrer Dienstherrschaft, die ihnen noch Bohnenkaffee als Zahlungsmittel für die Heimreise mitgaben. Die beiden Flüchtigen durchwateten die Mosel, kauften sich in Trier Fahrkarten und fuhren einfach mit dem Zug nach Hause. Am 22. Oktober betrat Ernst Rottler wieder sein Heimatdorf – „der schönste Tag in meinem Leben“. Gleichzeitig waren die Jugendträume von der Fahrt über die Weltmeere vorbei. „Ich konnte doch meine Leut’ nicht allein lassen“ – also übernahm Ernst Rottler als einzig verbliebener Sohn den Hof. Und ist noch heute ein bisschen traurig, dass die Familie vierzig Jahre danach das Milchvieh abgeschafft hat.

Redegewandtheit hatte Ernst Rottler aus den sieben Jahren in der weiten Welt mitgebracht – „da hat mir mei Dietfurt Sprach nichts genutzt“. Und deswegen fiel ihm das Reden auch als frischgebackener Bürgermeister knapp 20 Jahre später leichter. Eine standesamtlichen Schulung gab es für dieses Amt, sonst keine Kurse oder ähnliches (deshalb taten sich die Aufsichtsbeamten im Landratsamt auch mit manchen Dorfbürgermeistern ein bisschen schwer und die sich mit den Vorschriften). Ernst Rottler standen allerdings ein Gemeindeschreiber und ein Gemeindekassier zur Seite. Das Emailschild mit dem bayerischen Wappen und der Aufschrift „Wohnung des Bürgermeisters“ hat er noch. Die Ziele der SPD hatten ihm schon lange am meisten zugesagt (kurzfristig liebäugelte er auch mit der damals noch linksliberalen FDP), aber „als Dorfbürgermeister, da ist das nichts mit Parteien“. Dass Dietfurt nicht schon 1972 – wie die meisten anderen Gemeinden – mit fliegenden Fahnen zu Treuchtlingen kam, sondern sich noch sechs Jahre Zeit ließ, das hing vor allem mit „den jungen Leuten“ im Dorf zusammen. Sie wollten, dass sich Dietfurt mit seinem Gemeindewald so teuer wie möglich „verkauft“.

Ernst Rottler jedenfalls bekam 1991, nach 25-jähriger ehrenamtlicher Tätigkeit, die Kommunale Verdienstmedaille. Insgesamt sind es dann 32 Jahre bei ihm geworden. Bei der SPD ist er inzwischen seit rund 30 Jahren, und seit dem 100-Jährigen des Treuchtlinger Ortsvereins Ehrenmitglied.

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9.4.2008
 
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